ALPIKA 2025 – Impulse und Perspektiven

Religion ist ein elementarer Aspekt von Welterschließung. Kirche kann nicht ohne Bildung sein. Bildung insgesamt, und nicht nur religiöse Bildung, ist deshalb eine unverzichtbare Grundaufgabe der Kirche – mit innerkirchlichen und gesellschaftlichen Perspektiven.

1. Bildung – ein wesentlicher Bestandteil der Kirche

Bildung in kirchlicher Verantwortung zielt auf Verstehen, Mündigkeit und kritische Reflexivität. Sie fördert Orientierung, konstruktiven Umgang mit Diversität und ist im breiten Fächer der verschiedenen Bildungsangebote auch ein selbstkritischer Beitrag zur Aufklärung über Religion.

Bildung in kirchlicher Verantwortung versteht sich zugleich als einen wichtigen Beitrag zur Mitgestaltung der Zivilgesellschaft, zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabegerechtigkeit, und dabei auch als unverzichtbaren Beitrag zu einem konstruktiven Umgang mit kultureller, weltanschaulicher und religiöser Vielfalt auf der Grundlage eines starken Toleranzverständnisses.

Bildung in kirchlicher Verantwortung fördert Identität und Verständigung, schottet sich nicht in konfessioneller Selbstvergewisserung ab, sondern bezieht sich dialogisch auf die Pluralität individueller und gesellschaftlicher Lebenskontexte und damit auch auf religiöse, weltanschauliche und kulturelle Diversität.

Die Qualität und Quantität des biblisch-reformatorisch als Grundauftrag formulierten kirchlichen Engagements der Kirche bei kirchlichen und gesellschaftlichen Bildungsangeboten ist mitentscheidend für die gegenwärtige und zukünftige zivilgesellschaftliche Teilhabe der Kirche und ihr Selbstverständnis in einer pluralistischen Gesellschaft.

2. Kirchliche Bildungseinrichtungen – unverzichtbar für Kirche und Öffentlichkeit

Die evangelischen Landeskirchen und die Evangelische Kirche in Deutschland sind sich ihrer großen Verantwortung im Blick auf Bildung bewusst. Durch die Gründung religionspädagogischer bzw. pädagogisch-theologischer Institute sowie des Comenius Instituts, aber auch durch entsprechende andere Strukturen, beispielsweise im Elementarbereich und der Erwachsenenbildung, haben sie hohe Standards zur Sicherung der Qualität religiöser Bildung im kirchlichen und öffentlichen Raum gesetzt.

Die religionspädagogischen Institute und andere kirchliche Bildungseinrichtungen unterstützen die Kirchengemeinden in ihren je eigenen religionspädagogischen Aufgaben vor Ort insbesondere durch die Qualifizierung und Fortbildung ehren- und hauptamtlich Mitarbeitender in der kirchlichen und öffentlichen Bildungsverantwortung und sind mittelbar und unmittelbar wichtige überregionale Bezugspunkte zu Wissenschaft, Gesellschaft und Politik.

Die rapiden gesellschaftlichen Veränderungen, die zunehmende Komplexität der Bildungsherausforderungen, die bildungspolitische Fluidität sowie die zunehmende Notwendigkeit einer Plausibilisierung öffentlicher Bildung erfordern eine Stärkung der kirchlichen Bildungseinrichtungen und deren stärkere Vernetzung und Kooperation.

Die kirchlichen Bildungseinrichtungen brauchen zur Wahrnehmung ihrer wachsenden und sich verändernden Aufgaben eine verlässlich gesicherte und flexibel einsetzbare Ausstattung im Blick auf finanzielle und personelle Ressourcen sowie hinreichende Freiräume, um aktuelle Herausforderungen zeitnah bearbeiten und nachhaltige Schwerpunktsetzungen vornehmen zu können.

Die bildungspolitischen Gegebenheiten und Herausforderungen divergieren zwischen den Bundesländern und den entsprechenden Gliedkirchen bzw. deren Bildungseinrichtungen zum Teil in erheblicher Weise, weshalb lokale Herausforderung in der Regel einer lokalen Bearbeitung bedürfen und zentral und dezentral bearbeitbare Aufgaben entsprechend abgestimmt werden müssen.

3. Herausforderungen kirchlich (mit)verantworteter Bildung – notwendige Aufgaben in Kirche und Gesellschaft

Bildung in kirchlicher Verantwortung orientiert sich im Sinne ihres maßgeblichen Standards der Subjektorientierung auch an dem, was Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Prägung in gegebener Vielfalt implizit oder explizit als „religiös“ leben und erleben. Sie berücksichtigt dabei auch Ergebnisse der Milieu- und Lebensweltforschung und nimmt Fragestellungen der Entstehung und Äußerungsformen individueller und subjektiver Formen von Religiosität, Konfessionalität bzw. Spiritualität sowie entsprechende individuelle oder institutionelle Abgrenzungsformen gegenüber Religionen und Weltanschauungen auf.

Bildung in kirchlicher Verantwortung rezipiert in den Inhalten und Formen ihrer Angebote den wachsenden Trend einer zunehmend privaten, individuellen und subjektivistischen Orientierung von Lebenswelten, die sich voneinander abzuschotten drohen und durch institutionelle Angebote kaum noch zu erreichen sind. Sie fördert in innerkirchlichen und gesellschaftlichen Bildungsprozessen einen konstruktiven Umgang mit Vielfalt und Differenz in Pluralitätsfähigkeit und Toleranz. Sie nimmt dabei auch die besondere Bedeutung von Übergängen und Wechselwirkungen formaler, non-formaler und informeller Bildungsprozesse in den Blick.

Bildung in kirchlicher Verantwortung nimmt die Digitalisierung und Medialisierung der Lebenswirklichkeit sowie die damit verbundene nahezu totalitäre Digitalisierung der Öffentlichkeit konstruktiv und kritisch in ihren Angebotsformen auf und reflektiert dabei, wie innere und äußere Bilder sowie die Veröffentlichung von Privatem Zugänge zur Wirklichkeit und Expressivität beeinflussen können. Sie fördert auch unter Berücksichtigung der eigenen Tradition die ästhetische Kompetenz sowie einen konstruktiv-kritischen Umgang mit Medien.

Comments

  1. Kai Steffen

    Ich würde mir bei den ersten Sätzen einen leichter zugänglicheren und säkular niederschwelligeren Einstieg wünschen. Mit einem komplexen Schlagwort wie Religion zu begonnen ist mir nicht inklusiv genug. Besser fände ich erste Sätze wir zum Beispiel:

    “Wie erschließen wir uns die Welt? Wie finden wir Standpunkte und werden handlungsfähig? – Bildung ist ein wesentlicher Teil der Welterschließung. Eine wichtige Dimension ganzheitlicher Bildung ist Religion. Damit ist Bildung eine Grundaufgabe der Kirche – mit innerkirchlichen und gesellschaftlichen Perspektiven.”

    Dann können die drei Thesen folgen…

  2. joachim-happel Post author

    Ich halte den Begriff “totalitäre Digitalisierung der Öffentlichkeit” für irreführend, da dieser zwangsläufig mit einem totalitären System assoziiert und Digitalisierung mit einer globalen Bedrohung gleichgesetzt wird. Gibt es denn tatsächlich ein solches totalitäres System hinter oder über der digitalen Welt? Sicher gibt es viele, die von den Möglichkeiten der Digitalisierung Gebrauch machen wollen. Ebenso viele Einrichtungen und Initiativen gibt es aber auch, die mit Informationen und digitalen Instrumenten vor unberechtigten Übergriffen auf unser Leben schützen helfen. Dem folgend kann sich kirchliches Bildungshandeln nicht in einer konstruktiv kritischen “Reflektion” erschöpfen.

    Ich wage deshalb die letzte These zu modifizieren:
    Bildung in kirchlicher Verantwortung hat die Aufgabe, frei zugängliche und zugleich die einzelne Person schützende digitale Räume zu gestalten und vorhandene statische und erstarte Angebote zu erneuern (reformieren), damit die Nutzerinnen und Nutzer dieser Räume darin befähigt werden, als mündige Personen miteinander und von einander zu lernen und gemeinsam unter Berücksichtigung der eigenen Tradition verlässliche, vertrauenswürdige Netzknoten zu erschließen. Diese Menschen und Glaube verbindende Netzknoten können als Orientierungspunkte (digitale Kirche/n) in einer religiös und kulturell vielfältig gewordenen Welt dienen.

    1. Christian Günther

      Digitalisierung geschieht in Computerprozessoren. Mit der Verwendung des Begriffs “Digitalisierung” verrät die ALPIKA, dass sie nicht besonders viel Ahnung davon hat, worüber sie spricht.
      Ich vermute, dass die “fast totale Digitalisierung” sich auf eine bestimmte Art des Umgangs mit personenbezogenen Daten bezieht.
      Falls dies der Fall sein sollte, dann muss man genauer formulieren, worüber man sich in diesem Entschlussdokument ausspricht.

  3. Uwe Martini

    In der ersten These sagen wir ja eigentlich nur wie wichtig Bildung als Aufgaben der Kirche ist.

    Mir fehlt das Stolperelement dabei.

    Lasst uns nachdenken, ob ehemalige Tradierungsprozesse von Glaubensinhalten heute nicht zunehmend ersetzt werden / wurden durch Bildungsprozesse, dass also Menschen Glaubensinhalte nicht mehr als Glaubensüberzeugungen übernehmen in institutionell abgesicherten und teilweise genormten Institutionen (Familie), sondern sich durch Bildungsprozesse aneignen. Wenn dies so ist, sind diese Prozesse immer sehr individuell und weniger “Übernahme” von Überzeugungen als Konstruktionen von Lebensdeutungen, die sehr unterschiedlich sein können. Dies hat Folgen für die Kirchen. Einmal begründet sich so eine zunehmende Bedeutung von kirchlicher Bildung, weil ohne eine solche Aneignung christlicher Themen zunehmend ´nicht mehr stattfindet und zweitens die innere Diversifizierung von dem was Christsein heute inhaltlich bedeutet stark zunimmt. Das wiederum wird zu einer religionspädagogischen Aufgabe.

  4. Uwe Martini

    Zur zweiten These.

    Hier heißt es, dass die Institute die Kirchengemeinden unterstützen. MMn ist es noch nicht in ausreichendem Maße gelungen, die Arbeit der Institute mit der Gemeindestruktur unserer Kirchen zu verbinden. Zu oft steht dieses Verhältnis immer noch als Gegenüber, bzw. in Konkurrenz. Ich sehe darin eine Schlüsselaufgabe der Zukunft: Bildungsarbeit der Kirche und gemeindliche Arbeit zu verbinden, bzw. religionspädagogische und bildungspolitische Strukuren mit der Gemeindeebene unauflösbar zu vernetzen.

    Wenn wir in dieser These von der Unterstützung der Kirchengemeinden schreiben, braucht es in diesem Abschnitt auch einer Erwähnung der Schulen, bzw. der Lehrkräfte. Die Schulen stellen sich zunehmend als religiös indifferent auf, was religiöse Fragen angeht, besonders angesichts der zunehmenden religiösen Vielfalt der Schulen. Das Verhältnis Schule / Kirche muss neu diskutiert werden. Hier könnten unsere Thesen einige wichtigen Anregungen beisteuern.

  5. Uwe Martini

    Bei der dritten These halte ich es für sinnvoll, anzumerken, dass die genannten unterschiedlichen “Orientierung von Lebenswelten” wahrgenommen werden sowohl gegenüber anders religiösen Orientierungen, als auch gegenüber nicht-religiösen Orientierungen auf der einen Seite, die intern erneut stark heterogen aufgestellt und ausgerichtet sind, und einer zunehmend ausdifferenzierten christlichen / evangelischen Orientierung auf der anderen Seite.

  6. Michael Beisel

    Ich schließe mich dem Votum von Jaochim Happel an. Totalitär sind menschliche Herrschaften, nicht die Technik der Digitalisierung. Bitte nicht den Sack schlagen und den Esel meinen

  7. Simone Wustrack

    Kommentar der Gruppe, die zu 1.) diskutiert hat.
    Ideen zur Präambel: Satz 1 und Satz 2 brauchen noch eine Verbindung. Religion muss konkretisiert werden.
    Zustimmendes Feedback zu den vier Abschnitten in Punkt 1. “Nach vorne gedacht”.
    Absatz 2: Gut, dass dort kirchliche verantwortung betont wird, nicht evangelische.
    4. Absatz: Ergänzung: … kirchlichen Engagements der evangelischen Kirche.
    Beobachtung: “Bildung” wird in den Landeskirchen utnerschiedliche diskutiert. Daher ist diese These besonders wichtig.

  8. Henning Eden

    Zu These 3:

    500 Jahre nach der reformatorischen Medienrevolution erleben wir tiefgreifende Veränderungen. Welchen Einfluss haben Social Media auf das Verständnis des allgemeinen Priestertums und der Begleitung zur Mündigkeit. Wie wird die Freiheit des Menschen angesichts einer unvorstellbaren Datenerfassung gewahrt? Wie verändert sich unser Bild vom Menschen durch diese veränderten Kommunikationsformen?

  9. Thomas Ebinger

    Ich würde vieles voll unterschreiben. Was ich gerne noch deutlicher unterschieden hätte ist die Bildungsverantwortung der Kirche für den Bereich der Kirchengemeinden (Gemeindepädagogik), die zivilgesellschaftliche Perspektive (Erwachsenenbildung, Anstoß von Diskussionen zu verschiedenen aktuellen Themen u.v.m) und die religiöse Bildung in der Schule, wo wir auf gute Kooperation mit dem Staat angewiesen sind. In diesem letzten Bereich liegt derzeit der Schwerpunkt der Bildungsarbeit der Alpika-Institute, jedenfalls so weit ich das überschauen kann. Es könnte sein, dass hier in nächster Zeit eine Verschiebung der Gewichte notwendig sein wird.

  10. Karsten Müller

    Digitalisierung, was ist das eigentlich?
    Von “totalitär” bis “total” sind es nicht nur zwei Silben (letzter Absatz)!
    Dass Kirche Lebenswelt diesbezüglich zutreffend erfassen kann, hat sie bereits nachgewiesen (http://www.ekd.de/synode2014/schwerpunktthema/lesebuch/index.html). Dass nun hier eine Deutung als “diktatorische Herrschaftsform” eingetragen wird (https://de.wikipedia.org/wiki/Totalitarismus), irritiert trotz aller berechtigten Einwände einer verantwortungsbewussten Medienethik: Wie kann eine konstruktive Aufnahme des Themas in ein zukunftsgewandtes, kirchliches Bildungsengagement gelingen, ohne selbiges einseitig als “bedrohlich” oder gar “feindlich” zu stigmatisieren?
    Ist es nicht so, dass sich die menschliche Suche nach Identität, Begegnung, Teilhabe … in immer neuen Formen vollzieht und daher nicht nur von einem digitalen Wandel bedrängt wird, sondern diesen auch aktiv nutzt und gestaltet?!
    Wenn “digital” nicht mehr als “lebensfremd” identifiziert wird, dann liegt m.E. das religionspädagogische und medienbildende Potenzial als Chance und Auftrag sofort auf der Hand!
    Und so kann sich Kirche -immer auf dem Weg zu den Menschen- auch in Bildungsprozessen angstfrei und kompetent in ureigenste Debatten einmischen:
    Leben, was ist das eigentlich?

    #medienbildung #religionspädagogik #kirche

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